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Alcaraz brachte 76,5 Prozent von Djokovics ersten Aufschlägen zurück. Entscheidend war auch, was danach kam

Die Stoppbälle landen in den Highlights. Die unscheinbaren Returns, die einen Punkt am Leben halten, erklären womöglich besser, weshalb Alcaraz selbst die besten Aufschläger vor Probleme stellt.

Carlos Alcaraz im Smoking bei den Laureus World Sports Awards 2024
Carlos Alcaraz bei den Laureus World Sports Awards in Madrid, April 2024. Archivporträt; die folgende Analyse behandelt das Finale der Australian Open 2026.Barcex · CC BY-SA 4.0 · WebP

Novak Djokovic gewann den ersten Satz des Australian-Open-Finals 2026 mit 6:2. Carlos Alcaraz setzte sich am Ende durch und vervollständigte seinen Karriere-Grand-Slam. Doch wer dieses Finale verstehen will, darf den Auftaktsatz nicht ausblenden. Alcaraz hatte Djokovics Aufschlag keineswegs vom ersten Ball an mit einer einzigen Returnposition und einer einzigen Schlagbewegung entschlüsselt. Er musste verändern, wie die Punkte gespielt wurden.

Besonders interessant wird diese Anpassung zusammen mit der Auswertung von Jeff Sackmann, die am 3. Februar auf Tennis Abstract erschien. Grundlage war eine detaillierte Erfassung des Matches. Im Finale brachte Alcaraz 76,5 Prozent von Djokovics ersten Aufschlägen ins Feld zurück. Von den Punkten, die nach diesen Returns weiterliefen, gewann er 44,6 Prozent. Zusammengenommen beschreiben diese Zahlen deutlich mehr als die Fähigkeit, Djokovic noch einen zusätzlichen Schlag abzuverlangen.

Der Returnspieler muss zwei Aufgaben lösen. Zunächst darf der Aufschlag den Punkt nicht sofort beenden. Danach muss er mit dem Vorteil umgehen, den der Aufschläger noch besitzt: ihn überstehen, ausgleichen oder umkehren. Eine hohe Erfolgsquote bei der ersten Aufgabe kann Schwächen bei der zweiten verdecken. Alcaraz beherrscht beides. Genau deshalb lohnen diese oft unspektakulären Returns einen genaueren Blick.

Drei verschiedene Bezugsgrößen für dieselbe Returnleistung. Gezählt werden Punkte nach einem gültigen ersten Aufschlag; erste Aufschläge, die Fehler waren, gehören nicht in diese Berechnung.
KennzahlWert im FinaleBedeutung
Erste Aufschläge ins Feld zurückgebracht76,5 %Bei ungefähr drei von vier gültigen ersten Aufschlägen musste Djokovic einen weiteren Schlag spielen.
Punkte gewonnen, nachdem der Return ins Feld kam44,6 %Alcaraz gewann fast die Hälfte der Punkte, die nach dem Return weiterliefen.
Sämtliche Punkte nach erstem Aufschlag, die der Returnspieler gewannEtwa 34,1 %76,5 % × 44,6 %, berechnet aus den gerundeten Matchdaten. Entsprechend gewann Djokovic etwa 65,9 %.

Djokovic gewann trotzdem die meisten dieser Punkte

Die Rechnung rückt den Begriff „neutralisieren“ zurecht. Djokovic gewann weiterhin fast zwei Drittel seiner Punkte über den ersten Aufschlag. Alcaraz machte diesen Schlag nicht wertlos. Er verringerte dessen Ertrag gegen einen Spieler, dessen Aufschlag normalerweise einen größeren Teil der Arbeit erledigt. Genügend Returns kamen zurück, und genügend der anschließenden Ballwechsel blieben offen, um das Halten der Aufschlagspiele schwieriger zu machen.

Sackmann nennt für Djokovic eine Quote von 71,4 Prozent gewonnener Punkte über den ersten Aufschlag im Halbfinale gegen Jannik Sinner. Im Finale gegen Alcaraz waren es 65,9 Prozent. Das liefert Kontext, aber keinen sauberen Versuch zur Rangfolge der beiden Returnspieler: Gegner, Turnierrunde und körperliche Ausgangslage unterscheiden sich. Es zeigt allerdings, warum das pauschale Urteil „gut retourniert“ einen bedeutsamen Unterschied verdeckt.

Die gleiche Analyse fand bei den vorangegangenen US Open ein ähnliches Problem für Djokovic. Alcaraz brachte dort 75 Prozent seiner ersten Aufschläge zurück und begrenzte Djokovics Punktgewinnquote nach dem ersten Aufschlag auf 66,1 Prozent. Die Wiederholung macht dieses Duell untersuchenswert. Eine einzelne Ursache ist damit noch nicht gefunden. Returnposition, Aufschlagplatzierung, Qualität des Treffpunkts und die nachfolgenden Grundschläge beider Spieler tragen zum Ergebnis bei.

In der größeren erfassten Stichprobe unterscheidet Sackmann zwischen Spielern, die besonders viele Aufschläge zurückbringen, und solchen, die nach gelungenem Return besonders oft den Punkt gewinnen. Jaume Munar und Andrey Rublev stehen beispielhaft für gegensätzliche Wege zu einer insgesamt recht ähnlichen, um Einflussfaktoren bereinigten Returnleistung. Alcaraz und Sinner fallen auf, weil sie in beiden Bereichen stark sind. Daraus folgt nicht, dass jeder Return vorsichtig gespielt werden sollte. Den Ball ins Feld zu bringen und damit eine brauchbare Ausgangslage zu schaffen, sind zwei unterschiedliche Fähigkeiten.

Novak Djokovic vor einem Mikrofon bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris
Novak Djokovic in Paris, August 2024. Archivfoto. Seine Zahlen zum ersten Aufschlag in Melbourne sind ein anspruchsvolles Beispiel. Für Vereinsspieler, die andere Aufschläge erhalten, sind dieselben Prozentsätze keine verbindlichen Zielwerte.Andymiah · CC BY-SA 4.0 · WebP

Weiter hinten zu stehen veränderte mehr als die verfügbare Zeit

Steve Tignors Bericht über das Finale liefert eine taktische Erklärung, die sich aus den Prozentwerten allein nicht ablesen lässt. Nach dem ersten Satz riet Trainer Samuel López Alcaraz, beim Return weiter zurückzugehen und seine Grundschläge mit mehr Höhe und Topspin zu spielen. Tignor beschrieb, wie Alcaraz diese Anpassungen mit Slice und Stoppbällen verband, um die Ballwechsel länger und für Djokovic unangenehmer zu machen.

Die naheliegende Trainingsanweisung wäre also: weiter hinten stehen. Eine Position ist jedoch nur im Zusammenhang mit der Antwort sinnvoll, die sie ermöglicht. Mehr Abstand gibt zusätzliche Zeit, den Aufschlag zu lesen und den Treffpunkt vorzubereiten. Er vergrößert zugleich die Laufwege bei weit nach außen platzierten Aufschlägen und kann dem Aufschläger einen Gegner bieten, der weit hinter der Grundlinie steht. Der Return muss helfen, dieses nächste Problem zu bewältigen. Sonst verschiebt die gewonnene Vorbereitungszeit lediglich den Zeitpunkt des Punktverlusts.

Eine längere oder höhere Antwort kann Zeit für die Rückkehr in eine brauchbare Position schaffen, ohne sofort die Initiative zu bringen. Ein fester Return in eine große zentrale Zielzone kann dem Aufschläger einfache Winkel nehmen. Ein kurzer, schwebender Ball lädt womöglich nur zum Angriff ans Netz ein. Das sind taktische Möglichkeiten, die vom konkreten Aufschlag und Treffpunkt abhängen. Es ist keine Behauptung, Alcaraz habe bei jedem Punkt dasselbe Ziel gewählt. Die veröffentlichten Zahlen zeigen nicht die genaue Platzierung jedes Returns.

Hinzu kommen Alcaraz’ außergewöhnliche Platzabdeckung und seine Grundschläge, sobald der Ballwechsel läuft. Ein Return, nach dem er noch sinnvoll verteidigen kann, lässt einen anderen Spieler vielleicht vor einem praktisch unerreichbaren nächsten Ball zurück. Seine Distanz zur Grundlinie zu kopieren, ohne dieselbe Fähigkeit zum Nachrücken und Verteidigen zu besitzen, kann völlig andere Ergebnisse bringen. Übertragbar ist die Idee, den Return mit dem nächsten Schlag zu verbinden, den man tatsächlich spielen kann.

Dieser Zusammenhang erklärt auch, warum seine Anpassung mehr war als bloßes Zurückweichen. Zusätzliche Höhe und mehr Topspin veränderten den Ballwechsel nach dem Return. Alcaraz konnte sich für den schwierigen ersten Kontakt Zeit verschaffen und Djokovic anschließend einen Ball außerhalb dessen angenehmer Schlagzone anbieten. Tignors Bericht stützt diese Lesart. Er beziffert jedoch nicht, welcher Anteil der statistischen Verbesserung auf welche einzelne Änderung zurückging.

Returntraining sollte nicht beim Return aufhören

Für erfahrene Vereinsspieler ist eine Serie erster Aufschläge nur dann wirklich nützlich, wenn die Übung das zu lösende Problem erhält. Der Aufschläger spielt einen anspruchsvollen Ball, sieht den Return im Feld landen und bricht ab. Der Returnspieler bekommt Lob dafür, überhaupt herangekommen zu sein. Niemand erfährt, ob dieser Ball einen lösbaren nächsten Schlag ermöglicht oder dem Aufschläger eine einfache Abschlusschance geschenkt hätte.

Spielt stattdessen den nächsten Ball des Aufschlägers und die folgende Antwort des Returnspielers aus. Beginnt mit einer wiederholbaren Aufschlagrichtung und einem vereinbarten Tempo. Sobald der erste Kontakt stabil ist, kommt Variation hinzu. Das ist ein Übungsvorschlag, der sich aus der zweiteiligen Analyse ergibt, keine Alcaraz zugeschriebene Trainingsroutine. Er soll die Folgen des Returns sichtbar machen.

  1. Erfasst, ob der Return ins Feld zurückkam. Zählt auch Aufschläge mit, die ihr nicht berührt habt. Wer Asse weglässt, verbessert die Quote nur auf dem Papier.
  2. Notiert bei gelungenen Returns, was der Aufschläger anschließend tun konnte: bequem angreifen, einen ungefähr neutralen Ball spielen oder verteidigen. Das sind praktische Beobachtungshilfen, keine Laborkategorien.
  3. Haltet den tatsächlichen Punktgewinn getrennt fest. Verschlägt der Aufschläger einen einfachen Abschlussball, wird aus einem kurzen Return deshalb noch keine gute taktische Entscheidung.
  4. Wiederholt vergleichbare Serien mit einer anderen Returnposition oder einer anderen Zielzone. Verändert jeweils nur eine Absicht, damit der Gewinn und der dafür gezahlte Preis erkennbar werden.

Vielleicht steigt die Returnquote nur geringfügig, während der Aufschläger plötzlich viel häufiger bequem angreifen kann. Vielleicht bringt eine größere Zielzone aber auch deutlich mehr Punkte ins Spiel, ohne den nächsten Schlag spürbar schwieriger zu machen. Beide Erkenntnisse sind hilfreicher als ein einzelner spektakulärer Returnwinner. Einige Trainingsserien zeigen, woran man arbeiten könnte. Sie liefern keinen endgültigen Beweis für die Überlegenheit einer Technik.

Wer während dieses Vergleichs den Schläger oder die Besaitung wechselt, sollte das festhalten. Eine andere Reaktion bei kurzer Ausholbewegung kann beeinflussen, welchen geblockten Return man als brauchbar empfindet. Das Material wählt aber weder die Position für den nächsten Ball noch macht es eine kurze Antwort taktisch lang. Die Ausrüstungsfrage sollte konkret bleiben, statt jedes schwierige Returnspiel erklären zu müssen.

Was die Matchdaten nicht versprechen können

Die umfassenderen Vergleiche von Tennis Abstract beruhen auf Begegnungen, die Mitwirkende des Match Charting Project ausgewählt und erfasst haben. In den besprochenen Grafiken standen Spieler mit mindestens zehn dokumentierten Matches aus den vorangegangenen 52 Wochen. Das ist eine wertvolle Beobachtungsstichprobe, aber weder die gesamte Tour noch ein kontrollierter Versuch. Gegnerstärke, Belag und die Auswahl der erfassten Begegnungen beeinflussen den Vergleich.

Auch die Prozentwerte des Finals beziehen sich auf das gesamte Match. Sie beweisen für sich genommen nicht, was sich nach Satz eins genau änderte, und schreiben den Sieg nicht automatisch einer weiter hinten liegenden Returnposition zu. Bericht und Zahlen beantworten verschiedene Fragen: Der Bericht beschreibt sichtbare taktische Entscheidungen, die Zahlen messen die Ergebnisse über die Punkte hinweg. Zusammen helfen sie mehr, als wenn einer der beiden Ansätze alles erklären soll.

Alcaraz’ Returnspiel wird besonders interessant, sobald man nicht mehr auf den spektakulären Winner wartet. Achtet darauf, ob der Aufschlag einen direkten Punkt bringt, welche Position nach dem Return bleibt und ob der Returnspieler beim nächsten Ball noch konkurrenzfähig ist. Aus dem vagen „Bring noch einen zurück“ wird so ein beobachtbarer Leistungsmaßstab. Gegen einen hervorragenden ersten Aufschlag ist es der Anfang der Arbeit, den Punkt am Leben zu halten.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Tennis Abstract / Jeff Sackmann — Carlos Alcaraz Will Return Your Serve. Good Luck With That.
  2. TENNIS.com / Steve Tignor — “I just got mature”: Carlos Alcaraz used his full arsenal to beat Novak Djokovic and complete the career Slam

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