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5:0 war noch nicht das Ende: die Williams-Schwestern und ein trügerischer Tiebreak-Vorsprung

Im letzten Satz hatten sie bereits ein 1:4 aufgeholt. Dann verschwanden fünf Punkte Vorsprung. Dieses Match verdient mehr als ein pauschales Urteil über Alter oder Nerven.

Serena und Venus Williams stehen bei den US Open 2013 gemeinsam in Netznähe
Serena und Venus Williams in der ersten Doppelrunde der US Open am 29. August 2013. Archivfoto, nicht aus dem Match gegen Chan Hao-ching und Maya Joint im Jahr 2026.Edwin Martinez · CC BY 2.0 · JPEG

Beim Stand von 1:4 im Entscheidungssatz versuchten Serena und Venus Williams, ihre Rückkehr zu den US Open am Leben zu halten. Später, beim 5:0 im letzten Tiebreak, konnte man sich den Jubel schon ausmalen. Beide Bilder gehörten zu demselben Match. Keines zeigte das Endergebnis. Chan Hao-ching und Maya Joint gewannen schließlich 6:3, 6:7(6), 7:6 und entschieden den letzten Tiebreak mit 10:7 für sich.

Der am 5. September 2026 veröffentlichte Bericht von BBC Sport beschrieb eine erste Doppelrunde mit der Aufmerksamkeit eines großen Einzelmatches. Das Arthur Ashe Stadium war voll, die Schwestern spielten erstmals seit 2022 wieder gemeinsam bei einem Grand Slam, und das Publikum hatte eine eindeutige Vorliebe. Serena war 44, Venus 46. Zusammen hatten sie 30 Grand-Slam-Titel im Einzel und als Paar 14 im Doppel gewonnen. Trotzdem gehörte der nächste Punkt weiterhin den vier Spielerinnen auf dem Platz.

Genau deshalb lohnt es sich, dieses Ende genauer anzusehen. Man kann es als Einbruch verkaufen, als letztes Aufbäumen oder als Beweis, dass Champions immer Champions bleiben. Jede dieser Lesarten lässt etwas weg. Die Schwestern kämpften sich nach einem schwierigen ersten Satz und einem deutlichen Rückstand im letzten Satz zurück. Anschließend überwanden Chan und Joint einen deutlichen Rückstand im Tiebreak. Das Match enthielt zwei Aufholjagden, nicht bloß eine, die am Ende scheiterte.

Fünf Punkte Vorsprung sind keine fünf Spiele Vorsprung

Wer in einem Tiebreak bis zehn mit 5:0 führt, muss noch mindestens fünf Punkte gewinnen. Das ist ein komfortabler Vorsprung, aber noch kein Matchball. Außerdem gibt es kein neues Aufschlagspiel, in dem man nach einem schlechten Punkt wieder bei null beginnt. Jeder Fehler verändert denselben fortlaufenden Spielstand. Ein Doppelfehler kostet sofort einen Punkt; vor dem nächsten Return liegt kein frisches Spiel mit 0:0.

Die BBC berichtete von je einem Doppelfehler der beiden Schwestern während der Aufholjagd von Chan und Joint. Das waren zwei verlorene Punkte, erklären aber nicht allein das 10:7 am Ende. Nach dem 0:5 gewannen die späteren Siegerinnen zehn der verbleibenden zwölf Punkte. Das ist eine Rechnung aus den berichteten Spielständen, kein Protokoll jedes Ballwechsels. Sie zeigt, dass die Aufholjagd weit über zwei geschenkte Punkte hinausging. Ohne vollständigen Ablauf lässt sich daraus nicht ablesen, wann welcher Aufschlag, Return oder Volley den Ausschlag gab.

Diese Unterscheidung ist für Vereinsspieler wichtig, die fast jeden Entscheidungsdurchgang bis zehn als Match-Tiebreak bezeichnen. Nach zwölf Spielen bei 6:6 anzukommen ist ein anderer Weg als direkt nach zwei geteilten Sätzen einen Tiebreak anstelle des gesamten letzten Satzes zu beginnen. Auch die Möglichkeiten, innerhalb eines Doppels die Aufschlag- und Returnreihenfolge zu ändern, unterscheiden sich. Das vorher zu wissen ist deutlich nützlicher, als es erst beim Streit über den nächsten Aufschläger herauszufinden.

Der nächste Aufschläger verändert den Blick auf den Abstand

In der üblichen Tiebreak-Reihenfolge schlägt der erste Spieler für einen Punkt auf. Der nächste übernimmt zwei Punkte, danach folgen weitere Zweierblöcke. Im Doppel wird dabei die Aufschlagreihenfolge des laufenden Satzes beibehalten. Ein Team mit fünf Punkten Vorsprung muss also trotzdem wissen, wer als Nächstes serviert. Zwei Punkte bei gegnerischem Aufschlag sind eine andere Aufgabe als zwei bei eigenem, auch wenn jeder Punkt auf der Anzeigetafel gleich viel zählt.

Als einfaches Beispiel heißen die Teams A und B, ihre Spieler A1, A2, B1 und B2. Beginnt A1, schlägt er für Punkt eins auf; B1 übernimmt die Punkte zwei und drei, A2 vier und fünf, B2 sechs und sieben. Hat Team A die ersten fünf Punkte gewonnen, hat Team B also die nächsten beiden Aufschläge. Das illustriert die Regel und rekonstruiert nicht das Match der Williams-Schwestern. Es zeigt, warum „wir führen mit fünf Punkten“ als Vorbereitung auf den nächsten Return noch keine vollständige Information ist.

Serena Williams in Netznähe, dahinter Venus Williams bei den US Open 2013
Die Schwestern bei den US Open am 29. August 2013. Ihre unterschiedlichen Positionen verdeutlichen die gemeinsame Aufgabe im Doppel. Das Foto zeigt weder den Tiebreak von 2026 noch dessen Aufschlagreihenfolge.Edwin Martinez · CC BY 2.0 · JPEG

Das sinnvolle Gespräch ist kurz und konkret: Wer returniert diesen Punkt, welcher Aufschlag war schwer zu handhaben, und womit soll der Partner am Netz nach dem Return rechnen? Ein Vorsprung beantwortet diese Fragen nicht. Umgekehrt verlangt ein Rückstand keinen sofortigen Winner auf einen schwierigen Ball. Der Punkt beginnt weiter mit Aufschlag und Return, nicht mit dem gesamten Abstand von fünf Punkten.

Chan und Joint mussten auch mit dieser Kulisse spielen

Chan und Joint waren keine namenlosen Gäste auf der Feier eines anderen Teams. Sie waren das an Nummer 14 gesetzte Doppel und wollten ein Grand-Slam-Match gewinnen. Joint beschrieb die Atmosphäre als etwas, das sie noch nie erlebt hatten, und die Begegnung mit solchen Legenden als besonders. Ihre Reaktion erklärt den Rahmen des Abends, ohne dass man daraus den Einfluss der Lautstärke auf einen einzelnen Schlag berechnen könnte.

Die Sympathien der Zuschauer vergaben keine Punkte. Die Schwestern mussten im fünften und siebten Spiel des zweiten Satzes insgesamt vier Breakbälle abwehren, bevor sie den Satz im Tiebreak holten. Chan und Joint mussten weiterkämpfen, als das Stadion auf einen weiteren denkwürdigen Sieg seiner Lieblinge hoffen durfte. Den Siegerinnen Anerkennung zu geben schmälert die Geschichte der Williams-Schwestern nicht. Es macht das ganze Match wieder sichtbar.

Dahinter steckt eine bekannte Falle im Vereinsdoppel: Sobald das andere Paar einen großen Namen, eine bessere Einstufung oder mehr Unterstützer hat, wirkt das eigene gute Spiel wie eine Unterbrechung des erwarteten Ergebnisses. Man entschuldigt sich zu ausgiebig für einen glücklichen Return, hetzt durch eine erfolgreiche Phase oder wartet auf die vermeintlich unvermeidliche Wende. Nichts davon ist als Verhalten von Chan oder Joint belegt. Es sind vielmehr Gründe, als Vereinspaar eine konkretere Aufgabe zu wählen: den nächsten Aufschlagblock mit einem Plan spielen, den beide beschreiben können.

Eine Führung trainieren, solange noch etwas zu verlieren ist

Eine mögliche Übungsform ist ein Tiebreak bis zehn, der bei 5:0 beginnt. Legt vorher die Aufschlagreihenfolge und den nächsten Aufschläger fest; der Spielstand ist kein Anlass, die Regeln spontan umzubauen. Spielt bis zehn mit zwei Punkten Abstand. Wiederholt das Ganze anschließend mit dem anderen Team in Führung. Das ist ein Trainingsvorschlag, keine einer der Profipaarungen zugeschriebene Routine.

Das führende Team kann beobachten, ob sich die Schlagziele nach dem ersten verlorenen Punkt verändern. Werden plötzlich beide passiv? Versucht einer, den Abschluss zu erzwingen, obwohl der Ball das nicht hergibt? Beim zurückliegenden Paar lohnt der Blick darauf, ob der Returnspieler spielbare Aufschläge weiter in sinnvolle Bereiche zurückbringt oder so schlägt, als müsse jeder Punkt den ganzen Rückstand aufholen. Das kann ein Partner tatsächlich beobachten. Es bietet mehr Ansatzpunkte als das Urteil, ein Team sei mental stark oder schwach, weil am Ende eine bestimmte Zahl auf der Tafel steht.

Besprecht anschließend einen Aufschlagblock statt der gesamten Gefühlsreise. Welcher Return war möglich? Erwartete der Netzspieler dieselbe Richtung? War beiden klar, wer den Ball durch die Mitte übernimmt? Eine gelungene Übung sagt das nächste Turnierergebnis nicht voraus. Ihr Wert liegt darin, klare Entscheidungen zu wiederholen, während ein unangenehmer Spielstand bereits vorgegeben ist.

Die Zukunft der Schwestern blieb im BBC-Bericht offen. Serena hatte angedeutet, wieder Einzel spielen zu wollen; Venus hatte sich dagegen gewehrt, schon Pläne über das Doppel hinaus festlegen zu müssen. Nach Auskunft der Veranstalter sprachen sie nach diesem Match nicht mit den Medien. Es als ihren letzten Grand-Slam-Auftritt zu bezeichnen würde daher über den damaligen Kenntnisstand hinausgehen. Ein bewegender Abschied von den Rängen ist keine Rücktrittserklärung.

Fest stand das Ergebnis, und es sollte das Ergebnis eines Wettkampfs zwischen zwei Teams bleiben. Die Williams-Schwestern machten den Abend spannend, weil sie sich bei 1:4 nicht geschlagen gaben. Chan und Joint gewannen, weil sie sich bei 0:5 ebenfalls nicht geschlagen gaben. Ein Vorsprung kann Druck, Lautstärke und Erwartungen rund um einen Platz verändern. Die noch nötigen Punkte zum Matchgewinn kann er nicht spielen.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. BBC Sport — Serena and Venus Williams prove they can still compete in Grand Slam doubles — but what does the future hold?
  2. USTA / International Tennis Federation — Friend at Court 2026: ITF Rule 5 and Appendix VI, final-set and match tiebreaks

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