Spieler & Tour

Kwon in Adelaide: Zwei Wiedersehen auf dem Weg zum Titel

Ein freier Platz brachte Kwon zurück ins Hauptfeld. Dort musste er zunächst den Spieler schlagen, der ihn gerade gestoppt hatte. Bis zum Titel brauchte er dann unterschiedliche Antworten auf unterschiedliche Probleme.

Kwon hält Schläger und Ball und blickt vor dem Aufschlag nach oben
Roland Garros, Mai 2022: Soonwoo Kwon vor dem Aufschlag. Im folgenden Januar führte sein Weg zum Titel in Adelaide über zwei Spieler, gegen die er kurz zuvor verloren hatte.si.robi · CC BY-SA 2.0 · JPEG

Auf dem Weg zum Titel in Adelaide 2023 begegnete Soonwoo Kwon gleich zwei Spielern wieder, die ihn gerade geschlagen hatten. Gegen Tomas Machac verlor er in der Qualifikation und gewann anschließend in der ersten Hauptrunde. Jack Draper hatte ihm beim ersten Adelaide-Turnier nur drei Spiele überlassen; eine Woche später besiegte Kwon ihn im Halbfinale des zweiten. Das Nachrücken öffnete die Tür. Dahinter warteten sehr konkrete Aufgaben gegen bekannte Gegner.

Diese beiden Wiedersehen erzählen mehr über Kwons zweiten ATP-Einzeltitel als das Etikett Lucky Loser allein. Bei einem lässt sich der Wechsel des Ergebnisses festhalten, beim anderen hat Kwon selbst seine veränderte Absicht erklärt. Im Finale musste er anschließend damit umgehen, dass der Gegner innerhalb des Matches besser antwortete. Das folgende Australian Open ergänzte noch eine offene Frage: Wie kommt ein Angriffsspieler überhaupt in den Ballwechsel, wenn ihm ein starker Aufschläger gegenübersteht?

Der Gegner aus der Qualifikation wartete gleich noch einmal

Kwon war in der Qualifikation von Adelaide 2 an Position sieben gesetzt. Nach einem Sieg gegen Vasek Pospisil unterlag er Machac 5:7, 6:3, 3:6. Erst ein frei gewordener Platz brachte ihn ins Hauptfeld. In dessen Tableau standen die beiden wieder nebeneinander: Machac mit dem Q des Qualifikanten, Kwon mit LL für Lucky Loser. Diesmal gewann Kwon 6:4, 6:4.

Ein rasches Wiedersehen macht eine Aufgabe vertraut, aber nicht automatisch leichter. Der Ball des Gegners ist noch gut in Erinnerung, ebenso das Gefühl der Niederlage. Kwon durfte seine zweite Chance somit nicht gegen einen Unbekannten nutzen. Er musste zuerst den Spieler bezwingen, der ihm gerade den regulären Weg durch die Qualifikation versperrt hatte. Der Platz war zurück, die Punkte musste er neu gewinnen.

LL beschreibt den Zugang zum Turnier. Über die Qualität der fünf folgenden Siege sagt die Abkürzung wenig aus. Wer die ganze Woche auf das Nachrücken reduziert, übersieht schon den sportlichen Wert der ersten Runde: Kwon löste dieselbe Aufgabe beim zweiten Versuch mit einem anderen Ergebnis. Die zusätzliche Gelegenheit nahm ihm keinen Teil des Matches ab.

Kwon wartet mit gebeugten Knien hinter der Grundlinie auf den Return
Roland-Garros-Qualifikation, Mai 2019. Qualifikationsrunden gehören zu Kwons Laufbahn. In Adelaide ermöglichte ihm das Nachrücken ein direktes Wiedersehen mit seinem jüngsten Bezwinger.DarDarCH · CC BY-SA 4.0 · JPEG

Nach seiner Rückkehr sagte Kwon der Nachrichtenagentur Yonhap, als Lucky Loser sei er zunächst mit wenig Druck ins Hauptfeld gegangen. Mit jeder überstandenen Runde sei sein Wunsch zu gewinnen größer geworden. Das ist eine menschlichere Entwicklung als eine Woche völliger Unbeschwertheit. Erfolg vergrößerte die Chance und zugleich den Wunsch, sie festzuhalten. Im Finale stand ein Spieler mit Erwartungen, die seit der ersten Runde gewachsen waren.

Zwischen den beiden Revanchen besiegte er Pablo Carreno Busta nach verlorenem Auftaktsatz 3:6, 6:4, 6:4 und Mikael Ymer 6:1, 6:2. Zwei seiner fünf Hauptfeldsiege gelangen in zwei Sätzen, drei benötigten einen Entscheidungssatz. Zur Titelwoche gehörten also das Zurückkommen und das rechtzeitige Abschließen. Nur die dramatischen Wendungen herauszugreifen würde die Bedeutung der kürzeren Siege ausblenden.

Machac führt auf Rasen die Rückhand mit hoch gehaltenem Schläger aus
Wimbledon-Qualifikation, Juni 2023: Tomas Machac. Im Januar hatte er Kwon in der Qualifikation von Adelaide geschlagen und im Hauptfeld gegen ihn verloren.si.robi · CC BY-SA 2.0 · JPEG

Gegen Draper benannte Kwon selbst die veränderte Absicht

Das erste Match gegen Draper fand in der ersten Hauptrunde von Adelaide 1 statt: 2:6, 1:6 aus Kwons Sicht. Im Halbfinale von Adelaide 2 gewann er auf demselben Platz 7:6(6), 6:7(2), 6:3. Aus einem Match mit nur drei eigenen Spielgewinnen wurde eine Auseinandersetzung über zwei Tiebreaks und einen dritten Satz. Der Unterschied lag lange vor dem letzten Punkt.

Im offiziellen Turnierbericht würdigte Kwon Drapers Leistung aus der Vorwoche und erklärte, aus jener Begegnung viel gelernt zu haben. Beim Wiedersehen habe er aggressiver spielen wollen. Damit steht neben dem Resultat eine Entscheidung des Spielers. Die Veränderung lässt sich an seinem Umgang mit der Aufgabe diskutieren, statt sie pauschal einem plötzlich schwächeren Gegner zuzuschreiben.

Die Richtung hatte eine Vorgeschichte. Im Interview nach der Heimkehr sagte Kwon, offensiveres Tennis sei bereits ein Schwerpunkt seiner Vorbereitung gewesen. Das Wiedersehen bot die Gelegenheit, dieses Vorhaben wirksamer ins Match zu bringen. Eine Anpassung zwischen zwei Begegnungen kann bedeuten, etwas Bekanntes unter Druck verfügbar zu machen, ebenso wie etwas Neues hinzuzunehmen.

Aggressivität umfasst mehr als den härteren Abschluss auf jeden Ball. Es geht darum, wer im Ballwechsel die nächste relevante Entscheidung treffen kann. Bei ähnlichem Tempo verändern Treffpunkt und Position auf dem Platz die Zeit, die dem Gegner bleibt. Für Zuschauer lohnt sich deshalb die Unterscheidung zwischen einzelnen spektakulären Schlägen und wiederholt erreichbaren Angriffssituationen. Erst die zweite Variante macht aus einem gelungenen Schlag eine regelmäßig nutzbare Möglichkeit.

Kwon verlor auch in dieser Begegnung einen Tiebreak, nachdem er den ersten gewonnen hatte. Der Satzvorsprung war weg. Im dritten Durchgang schaffte er früh ein Break und hielt die Führung bis zum Ende. Um die Niederlage der Vorwoche umzukehren, brauchte er somit sowohl den offensiveren Ansatz als auch die Fähigkeit, nach dem Verlust seines ersten Vorteils wieder anzusetzen.

Draper beendet auf Sand den Schwung einer beidhändigen Rückhand
Monte Carlo, April 2023: Jack Draper. Kwons Erstrundengegner bei Adelaide 1 war bei Adelaide 2 sein Halbfinalgegner. Nach dem Wiedersehen sprach Kwon von seiner offensiveren Absicht.si.robi · CC BY-SA 2.0 · JPEG
Kwons zwei Revanchen in Adelaide 2023
GegnerZuvor, aus Kwons SichtWiedersehenAussage des Vergleichs
Tomas MachacAdelaide 2, Qualifikation: 5:7, 6:3, 3:6 verlorenHauptfeld: 6:4, 6:4 gewonnenNeue Gelegenheit gegen denselben Gegner genutzt
Jack DraperAdelaide 1, Hauptfeld: 2:6, 1:6 verlorenAdelaide 2, Halbfinale: 7:6(6), 6:7(2), 6:3 gewonnenOffensivere Absicht, von Kwon selbst beschrieben

Die beiden Vergleiche liefern unterschiedlich tiefe Antworten. Bei Machac sind der neue Zugang zum Hauptfeld und das umgekehrte Ergebnis belegt. Bei Draper kommt Kwons Erklärung seiner Absicht hinzu. Diese Trennung lässt Platz für verschiedene Probleme innerhalb derselben Erfolgswoche: Bei einem Gegner kann der Return entscheidend sein, bei einem anderen das Tempo im Ballwechsel oder der Zeitpunkt des Angriffs.

Im Finale genügte der starke Beginn bald nicht mehr

Gegen Roberto Bautista Agut gab Kwon in seinen ersten drei Aufschlagspielen keinen Punkt ab. Laut Turnierbericht gelangen ihm beim 6:4 im ersten Satz 15 Winner und sieben Asse. Stabile eigene Aufschlagspiele schaffen einem offensiven Spieler Freiraum. Ein misslungener Versuch beim Return setzt ihn weniger unmittelbar unter Druck, wenn er anschließend zuverlässig halten kann.

Im zweiten Satz änderten sich die Bedingungen. Bautista Agut produzierte nur einen unerzwungenen Fehler und verlor hinter seinem ersten Aufschlag lediglich zwei Punkte. Kwon schlug weiter Winner, gab den Satz aber 3:6 ab. Wenn der Gegner weniger Punkte verschenkt und seinen Aufschlag besser schützt, führt dieselbe offensive Qualität nicht mehr ohne Weiteres zum gleichen Abstand. Zwischen dem guten Schlag und dem Spielgewinn steht die Antwort des anderen.

Gerade dieser mittlere Satz gehört in die Geschichte des Titels. Der offensivere Ansatz hatte gegen Draper funktioniert und auch zu Beginn des Endspiels getragen. Bautista Agut veränderte jedoch den Wettbewerb während des Matches. Kwon musste sein Tennis aufrechterhalten und zugleich gegen eine verbesserte Reaktion bestehen. Die zweite Hälfte des Finales wurde deshalb keine Wiederholung der ersten.

Im Entscheidungssatz gab es vier Breaks, jeweils zwei pro Spieler. Kwon lag zweimal mit einem Break zurück und glich jeweils wieder aus. Es handelte sich um zwei getrennte Rückstände, nicht um einen Rückstand von zwei Breaks. Im letzten Tiebreak machte er aus einem 3:4 mit vier Punkten in Folge ein 7:4. Der Endstand lautete 6:4, 3:6, 7:6(4).

Im Halbfinale hatte er eine frühe Führung im dritten Satz verteidigt. Im Endspiel musste er mehrfach das Gleichgewicht wiederherstellen, bevor er die letzte kurze Phase gewann. Beide Matches gingen über drei Sätze, verlangten aber unterschiedliche Arbeit. Der Titel entstand nicht dadurch, dass Kwon am nächsten Tag einfach dieselbe Führung noch einmal herunterspielte.

Bautista Agut gegen Kwon: Finale von Adelaide 2, 2023Offizielle Finalhighlights von Tennis TV. Zusammen mit den Satzergebnissen zeigen sie das hier besprochene Endspiel.Tennis TV · Auf YouTube ansehen ↗Mit einem Klick wird der YouTube-Player geladen.

ATP verzeichnete für das Finale 42 Winner von Kwon und 23 von Bautista Agut. Die Zahlen zeigen das Gewicht seiner Offensive, fassen jedoch drei sehr unterschiedliche Sätze zusammen. Erst neben deren Verlauf wird sichtbar, unter welchen Bedingungen die Winner entstanden. Der spätere Sieger traf häufiger die direkten Abschlüsse und überstand zugleich Phasen, in denen sein bisheriger Vorteil nicht mehr ausreichte.

In Melbourne folgte sofort die nächste Aufgabe

Mit dem Titel vom 14. Januar wurde Kwon zum ersten Südkoreaner mit zwei ATP-Tour-Titeln im Einzel; den ersten hatte er 2021 in Astana gewonnen. Am 16. Januar verlor er bei den Australian Open in fünf Sätzen gegen Christopher Eubanks. Das Selbstvertrauen reiste mit nach Melbourne. Eine Lösung für den Aufschlag des neuen Gegners musste er trotzdem erst auf dem Platz finden.

Bei der Heimkehr räumte Kwon Müdigkeit ein, führte die Niederlage aber nicht auf ein Konditionsproblem zurück. Er sprach vielmehr davon, gegen starke Aufschläger schwer ins eigene Spiel zu finden. Darin lag eine konkrete Aufgabe für die nächste Trainingsphase. Bevor ein offensiver Ballwechsel möglich wird, muss der Return ihn überhaupt eröffnen. Die Qualität dieses ersten Kontakts bestimmt mit, welche Entscheidungen danach zur Verfügung stehen.

Zusammen mit diesem Aus werden die beiden Revanchen in Adelaide noch aufschlussreicher. Eine frische Niederlage gegen denselben Gegner konnte Kwon mit einer neuen Antwort überwinden. Eine erfolgreiche Woche beseitigte zugleich nicht alle Probleme gegen andere Waffen. Der Titel war das Ergebnis mehrerer gelöster Aufgaben; die nächste meldete sich fast unmittelbar danach.

Beim Wiedersehen mit den offiziellen Finalhighlights lohnt es sich, den Satzverlauf daneben zu legen und vor den abschließenden Schlag zurückzugehen: zu den sicheren Aufschlagspielen, den Phasen mit weniger Geschenken des Gegners und den Returns, die einen Breakrückstand wieder ausglichen. Für das nächste Wiedersehen zweier Spieler ergibt sich daraus eine konkrete Frage: Wie häufig gelingt diesmal der Return oder der Einstieg in den Angriff, der zuletzt gefehlt hat?

Quellen und weiterführende Informationen

  1. ATP — Adelaide 2 2023 main draw
  2. ATP — Adelaide 2 2023 qualifying draw
  3. Tennis Australia — Bautista Agut battles past Kokkinakis, faces Kwon in Adelaide International 2 final
  4. Tennis Australia — Soonwoo Kwon claims historic title in Adelaide
  5. ATP — Kwon wins Adelaide 2 title against Bautista Agut
  6. 연합뉴스 — ATP 우승 권순우, 귀국 인터뷰와 호주오픈 후속 결과
  7. Tennis Australia — Draper sets up quarterfinal rematch with Khachanov
  8. Australian Open — Bencic, Kwon among winners riding high into AO 2023
  9. Tennis Australia — Adelaide International honour roll
Darüber diskutieren →Korrektur vorschlagen ↗

TENNIS TENSION LAB

Prüfe heute die Spannung deines Schlägers.

Erhalte in weniger als 10 Sekunden einen hochpräzisen Spannungswert. Tension Lab verfolgt Veränderungen seit der ersten Messung und zeigt, wann eine neue Besaitung sinnvoll ist.

  • Saitenspannung hochpräzise messen. In weniger als 10 Sekunden.
  • Jede Veränderung im Spielgefühl klar dokumentiert.
  • Zeit für eine neue Besaitung? Schluss mit dem Rätselraten.
Die Werte schätzen die Veränderung gegenüber der Ausgangsspannung und ersetzen keine absolute Messung mit einer Besaitungsmaschine.