Matchtaktik

Passierball: sofort vorbeispielen oder zuerst den Volley tief halten?

Verleitet ein Netzangriff zum Fehler an der Seitenlinie, ändern Sie zunächst das Ziel. Bestimmen Sie, wo und wie tief der Gegner seinen ersten Volley spielen soll, und nutzen Sie anschließend den entstandenen Raum.

Murray und Mahut nahe am Netz; Mahut streckt sich zu einem tiefen Ball
Andy Murray und Nicolas Mahut im Queen’s Club in London, Juni 2013. Das Bild zeigt den Spieler am tiefen Ball und den Gegner in Vorbereitung auf der anderen Netzseite.Carine06 · CC BY-SA 2.0 · JPEG

Ein Netzangriff verlangt nicht schon mit Ihrer ersten Antwort einen Winner an der Seitenlinie. Treffen Sie tief und aus schlechter Balance, kann zunächst ein Ball sinnvoll sein, der den ersten Volley erschwert. Bringen Sie den Gegner in eine Position, lesen Sie Volley und anschließende Bewegung und wählen Sie dann den Passierball. Stehen Sie dagegen gut und ist eine klare Bahn frei, bleibt der direkte Passierball die erste Option.

Zuerst die Volleyhöhe beeinflussen, statt knapp am Schläger vorbeizielen

Der Gegner überquert die Aufschlaglinie, während sein Angriffsball tief vor Ihren Füßen bleibt. Plötzlich scheint der Platz kleiner. Härter zu schlagen und einen bequemen Volley zu verhindern sind jedoch zwei Aufgaben. Ein schneller Ball kann angenehm oberhalb der Netzkante ankommen. Ein langsamerer, der vor die Füße absinkt, zwingt den vorwärtslaufenden Spieler dagegen zum Anheben.

Der zweistufige Passierball-Ratgeber von TENNIS beginnt mit einem tiefen Ball etwas außerhalb der bequemen Reichweite oder zu den Knöcheln, wenn der Netzspieler noch weiter zurücksteht. Das erste Ziel ist ein schwieriger Volley. Erst Ihre anschließende Positionierung vervollständigt die Wahl: Der zusätzliche Ball hilft nur, wenn Sie ihn auch erreichen.

Tief beim Gegner anzukommen ist nicht dasselbe, wie das Netz mit minimalem Abstand zu überqueren. Je nach Flugkurve, Tempo und Abfangpunkt kann ein Ball mit Reserve über das Netz gehen und den Volleyspieler bereits sinkend erreichen. Trainieren Sie deshalb die gewünschte tiefe Kontaktzone und nicht einen winzigen Spalt über der Netzkante. So gestalten Sie den nächsten gegnerischen Treffpunkt, statt bloß durch eine Lücke zu zielen.

Auch die eigene Bewegung verändert die Entscheidung. Ein langer Angriff, der Sie zurückdrängt, lässt vielleicht wenig Kontrolle für eine kurze, stark absinkende Antwort. Erreichen Sie den Ball kaum, kann ein höherer Ball mit Erholungszeit mehr helfen. Ein kürzerer Angriff, in den Sie ausgeglichen hineingehen, öffnet dagegen mehr Raum für den direkten Passierball. Der tiefe erste Ball ist eine Option für einen spielbaren Kontakt und hat eigene Voraussetzungen.

Eigenen Treffpunkt und gegnerische Position gemeinsam beurteilen
SituationErste OptionZweckWann anderes passt
Tiefer Kontakt, Gegner rückt vorAbsinkender BallErsten Volley nach oben zwingenGuter Stand und freie Passierbahn
Ausgeglichener Kontakt, eine Seite offenDirekter PassierballRaum sofort nutzenZielen auf die Linie verzögert den Kontakt
Gegner sehr nah am NetzLobRaum darüber nutzen und sich erholenGegner kann bequem zum Schmetterball zurück
Gegner bleibt nach Volley seitlichNächster Passierball auf die freie SeiteVom ersten Ball geschaffenen Raum nutzenLanger Volley bringt Sie aus dem Gleichgewicht
Erster Ball steigt zu hochDefensiv neu positionierenAuf nächsten Angriff antwortenNur vorrücken, wenn der Volley tatsächlich tief ist

Sinner zeigte in Wimbledon zwei verschiedene Antworten

Im Halbfinale 2026 passierte Sinner bei 4:4 und 30:40 im ersten Satz Djokovics Vorhandangriff longline mit einer Rückhand ebenfalls longline. Im ersten Spiel des dritten Satzes spielte Djokovic Serve-and-Volley, setzte aber einen schwierigen tiefen ersten Vorhandvolley ins Netz. Steve Flinks Matchbericht beschreibt diese beiden getrennten Szenen.

Die eine Antwort flog am Gegner vorbei, die andere stellte ihn vor einen schwierigen ersten Volley. Unterschiedliche Ziele lösten denselben Netzangriff. Für Vereinsspieler lautet die Frage: Sind Treffpunkt und Raum zum sofortigen Abschluss vorhanden, oder lässt sich zunächst der nächste gegnerische Schlag erschweren? Sinners Schlagtempo zu kopieren wäre eine andere Herausforderung.

Sinner gewann 6:4, 6:4, 6:4. Der offizielle Roland-Garros-Bericht nennt außerdem 17 gewonnene eigene Netzpunkte aus 20. Wer gut angreift und bequem trifft, hat am Netz weiterhin einen Vorteil. Die erste Aufgabe des Passierspielers besteht darin, diesen bereits geschaffenen Vorteil zu verkleinern, statt das Vorrücken automatisch als gegnerische Schwäche anzusehen.

Sinner–Djokovic: official 2026 Wimbledon semifinal highlightsOffizielle Wimbledon-Highlights des Matches, das den Vergleich von direktem Passierball und schwierigem tiefen ersten Volley liefert.Wimbledon · Auf YouTube ansehen ↗Mit einem Klick wird der YouTube-Player geladen.
Jannik Sinner trägt eine weiße Kappe und hält seinen Schläger
Sinner bei den US Open im September 2025. Die Wimbledon-Beispiele des Folgejahres unterscheiden direkten Passierball und eine Antwort, die den ersten Volley erschwerte.The White House · Public domain · JPEG

Der zweite freie Raum hängt von der wirklichen Bewegung ab

Ein tiefer erster Ball auf eine Seite schreibt nicht automatisch die Gegenseite als nächstes Ziel vor. Bleibt der Gegner dort, um die Linie zu decken, kann die andere Seite aufgehen. Eilt er zur Mitte zurück, wird die gerade verlassene Fläche interessant. Seitliches Laufen nah am Netz kann auch Raum für einen Lob lassen. Trennen Sie den Plan für Ball eins von der Entscheidung für Ball zwei.

Die Übung zum Passierball mit dem zweiten Schlag der U.S. High School Tennis Association entwickelt diese Verbindung: zunächst einen tiefen Volley auf einer Seite erzeugen, danach anhand der entstandenen Positionen entscheiden. Dass der erste Ball im Feld landet, ist nur ein Teil. Wo er den Gegner zurücklässt, liefert die Information für den nächsten Schlag.

Hinter der Grundlinie stehen zu bleiben und den tiefen Ball zu bewundern kann diesen Vorteil verschenken. Gehen Sie in eine brauchbare Position, während der Gegner ihn verarbeitet, und bleiben Sie um dessen Kontakt herum richtungswechselbereit. Schwebt Ihr Ball dagegen hoch und erlaubt einen nach unten geschlagenen Volley, fehlt der Grund zum Vorstürmen. Richten Sie die Füße nach dem tatsächlich erzeugten Volley aus, auch wenn er vom geplanten abweicht.

Djokovic lehnt sich auf Rasen mit ausgestrecktem Schlägerarm zur Seite
Djokovic auf Wimbledons Centre Court im Juli 2019. Der gestreckte Treffpunkt zeigt den Unterschied zwischen einem gerade erreichten und einem bequem gespielten Ball.Carine06 · CC BY-SA 2.0 · JPEG

Der Lob ist eine eigene Wahl mit eigenem Ziel

Ein sehr nah am Netz stehender Gegner lässt weniger Platz für einen absinkenden Ball. Ein Lob kann den Raum hinter ihm wieder öffnen. Die USTA empfiehlt gegen Serve-and-Volley einen tiefen Crossreturn sowie einen Lob zur Rückhandseite, um die Antwort zu erschweren. Ziel ist eine andere Aufgabe für den Angreifer, gewählt nach dessen tatsächlicher Position.

Höhe allein kann allerdings einen kurzen Schmetterball liefern. Berücksichtigen Sie Gegnerposition, eigene Kontaktkontrolle und anschließende Rückkehr. Müssen Sie sich stark strecken, ist ein höherer, längerer Defensivball womöglich realistischer als ein präziser Angriffslob. Stehen Sie gut und ist die Passierbahn frei, können Sie sie weiterhin sofort nutzen.

Im Doppel verändert der zweite Gegner den freien Raum. Auf einen Longlinereturn kann außerdem ein Volley durch die Mitte zwischen den Partnern folgen. Die Doppelhinweise der USTA verlangen deshalb, diese Antwort schon mit der Wahl der Linie vorzubereiten. Einen Spieler passieren und den nächsten Teamball abdecken gehören zur selben Entscheidung.

Den gegnerischen Angriff im Training mitspielen lassen

Beginnen Sie mit einem Gegner, der von der Grundlinie vorrückt, statt dauerhaft auf einen bereits am Netz stehenden Spieler zuzuspielen. So bleiben Anlauftempo und Position des ersten Volleys Teil der Übung. Vereinbaren Sie zunächst einen gut spielbaren Angriff statt eines direkten Winners. Läuft die Folge, variieren Sie Länge und Richtung, um die Entscheidung zu erschweren.

  • Beginnen Sie einen Grundlinienballwechsel. Der festgelegte Verteidiger spielt dann kurz und lädt den Gegner zum Vorrücken ein.
  • Der Angreifer spielt auf die vereinbarte Seite. Der Verteidiger übt eine tiefe erste Antwort.
  • Spielen Sie den Punkt ab dem ersten Volley aus. Der Verteidiger wählt die nächste Richtung nach Antwort und Gegnerposition.
  • Wechseln Sie nach einer Reihe von Punkten die Rollen. Heben Sie danach die feste Angriffsrichtung auf und erlauben Sie auch direkte Passierbälle und Lobs.

Diese Abfolge passt die USHSTA-Übung für den zweiten Passierball an. Im Original muss die erste Antwort vor der Aufschlaglinie landen, um eine kurze absinkende Flugbahn zu entwickeln. Die Linie ist ein Trainingsziel. Im Match muss diese Beschränkung wegfallen, und andere Optionen müssen zurückkehren, damit aus der Übung eine Entscheidung wird statt einer Regel für jeden Ball.

Steigern Sie zunächst die Kontrolle, dann das Tempo. Suchen Sie erst einen tiefen Volley und einen erreichbaren Folgeball. Überfordert jeder Angriff den Verteidiger, verlangsamen Sie ihn zum Lernen der Flugbahn. Funktioniert das Muster nur bei fester Richtung, variieren Sie diese vor der Geschwindigkeit. Jede Änderung sollte die nächste gewünschte Entscheidung sichtbar machen.

Wiederkehrende Trainingsprobleme gezielt verändern
BeobachtungZuerst prüfenAnpassung
Erste Antwort wiederholt im NetzTiefe Ankunft mit minimaler Netzhöhe verwechseltTempo senken und absinkende Flugbahn formen
Ball im Feld, aber hoher VolleyHöhe beim gegnerischen KontaktZiel und Spin gemeinsam verändern
Tiefer Volley erzeugt, Folgeball kommt zu frühPause nach dem ersten SchlagVor dem Volleykontakt Position finden
Zweite Passierrichtung wird erwartetEntscheidung vor gegnerischer BewegungNach dessen Bewegung nach dem Volley wählen
Feste Übung klappt, Match wirkt hektischVorhersehbares Zuspiel statt echter AngriffeRichtungs- und Längenbindung schrittweise lösen

Die Zahl der Winner lässt wichtige Informationen aus

Halten Sie drei Ergebnisse gemeinsam fest: Landete der erste Ball, erzeugte er einen tiefen Volley und erreichten Sie den nächsten Ball? Geht der Punkt nach den ersten beiden Erfolgen verloren, liegt die nächste Aufgabe eher bei Position oder Abschlusswahl. Ein bequemer hoher Volley verweist zurück auf die erste Flugbahn. Derselbe verlorene Punkt kann also Verschiedenes zeigen.

Wenden Sie denselben Maßstab auf einen gelungenen direkten Passierball an. War eine große Lücke offen, und standen Sie im Gleichgewicht? Dann hilft das Ergebnis bei künftigen Entscheidungen. Ein spektakulärer Linienwinner aus Verzweiflung ist schwerer reproduzierbar. Nutzen Sie guten Kontakt und freie Bahn zum Abschluss; sind beide eingeschränkt, erschweren Sie zunächst den ersten Volley.

Verlängern Sie im nächsten Training eine Antwort auf den Netzangriff um einen weiteren Schlag. Wählen Sie nach dem tiefen ersten Ball anhand der gegnerischen Kontakthöhe und anschließenden Laufrichtung. Lebt der Punkt noch und muss der Gegner den Volley anheben, kann sich die zweite Passierchance bereits öffnen.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. USTA — Tactical Tennis: Beating a Serve-Volleyer
  2. U.S. High School Tennis Association — Passing Shot Drill
  3. TENNIS / Tennis.com — How to Hit a Passing Shot
  4. Steve Flink / Ubitennis — Wimbledon 2026 Concludes On A High Note
  5. Roland-Garros / FFT — Wimbledon 2026: No drama for top two seeds
  6. USTA — Improve Your Game: Down the Line in Doubles
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