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Hyeon Chungs Melbourne: Was vor dem sechsten Matchball geschah

Hinter der starken Verteidigung und dem ruhigen Gesicht arbeitete Chung an neuen Angriffsmöglichkeiten. Sein Durchbruch bestand aus wechselnden Aufgaben, nicht nur aus einem großen Sieg.

Chung lächelt mit seinem Schläger bei den Australian Open am 24. Januar 2018
Chung am 24. Januar 2018 bei den Australian Open. In diesem Turnier erreichte er als erster Südkoreaner ein Grand-Slam-Halbfinale im Einzel.CORNUT · CC BY-SA 4.0 · JPEG

Sechs Matchbälle brauchte Hyeon Chung für den Sieg, der ihn zum ersten südkoreanischen Einzel-Halbfinalisten eines Grand Slams machte. Am 24. Januar 2018 ließ er gegen Tennys Sandgren Chancen liegen, geriet im letzten Aufschlagspiel selbst in Breakgefahr und musste noch einmal einen langen Ballwechsel bestehen. Der offizielle Australian-Open-Bericht hielt dafür 31 Schläge fest. Selbst danach war das Ende noch nicht erreicht.

Später fragte ein Journalist, was hinter seiner ruhigen Erscheinung in diesem letzten Spiel vorgegangen sei. Chung erzählte von mehreren Gedanken zugleich: Mit einem weiteren Punkt würde er koreanische Tennisgeschichte schreiben; auch über den Jubel hatte er nachgedacht. Weil das Match noch lief, versuchte er ruhig zu bleiben. Die Gelassenheit, die Zuschauer sahen, war für ihn eine Aufgabe.

Von Chungs Melbourne bleiben oft zwei Bilder: der Sieg über Novak Djokovic und die Blasen am Fuß, die sein Halbfinale beendeten. Dazwischen entwickelte ein Spieler zusätzliche Möglichkeiten. Seine außergewöhnliche Verteidigung blieb die Grundlage, während er am Aufschlag arbeitete und den Weg ans Netz übte. Einen Favoriten herauszufordern, selbst als Favorit anzutreten und eine körperliche Grenze zu erreichen verlangte jeweils andere Entscheidungen.

Milan gab Vertrauen, der Angriff blieb in Arbeit

Chung hatte die vorherige Saison ungeschlagen beim ersten Next Gen Finals in Mailand abgeschlossen. Im Finale im November 2017 führte Andrey Rublev mit einem Satz und einem Break, ehe Chung 3–4(5), 4–3(2), 4–2, 4–2 gewann. Das Nachwuchsturnier erprobte kurze Sätze und No-Ad-Regeln. Es war ein eigener Wettbewerb mit einer anderen Matchstruktur als das folgende Grand-Slam-Turnier.

Der AP-Bericht beschrieb auch den weniger geradlinigen Weg zum Pokal. Chung vergab zunächst zwei Matchbälle bei Rublevs Aufschlag und machte den Titel erst in seinem nächsten eigenen Aufschlagspiel fest. Nach der verpassten ersten Gelegenheit wartete also weitere Arbeit. Ungeschlagen durch ein Turnier zu kommen bedeutete nicht, jede Chance sofort zu nutzen.

In Melbourne erklärte Chung, der glückliche Saisonabschluss in Mailand habe ihm einen zuversichtlichen Start ins neue Jahr ermöglicht. Seine Vorbereitung war allerdings nicht vollständig neu. Nach dem Zverev-Match berichtete er von etwa drei Wochen Training in Bangkok mit anderen Spielern und ergänzte, dass er bereits früher in Thailand trainiert hatte. Ein neues Ergebnis stärkte eine Arbeit, die schon länger stattfand.

Trainer Neville Godwin wurde konkreter. Gegenüber Reuters erläuterte er am 24. Januar, technische Änderungen am Aufschlag hätten Chung ein besseres Gefühl gegeben. Er könne nun auf eine hohe Quote setzen, einen schnellen Punkt suchen oder ein Ass anvisieren. Godwin betonte zugleich, dass der Aufschlag noch kein fertiges Produkt sei. Es ging um wachsende Auswahl, nicht um eine abgeschlossene Verwandlung.

Für einen Spieler mit so guter Verteidigung ist diese Auswahl relevant. Ein eigenes Aufschlagspiel bietet die Gelegenheit, den folgenden Austausch mitzugestalten, bevor der Gegner ihn bestimmt. Godwins Beschreibung galt Chungs größerem Vertrauen in diese Entscheidung. Sie lieferte keine gemessene Verbesserung der Assquote und reduzierte den Fortschritt auch nicht darauf, jeden Aufschlag härter zu schlagen.

Hinzu kam das Vorwärtsgehen. Godwin wollte, dass Chung seine Schnelligkeit häufiger offensiv einsetzt. Chung erklärte nach dem Sandgren-Match selbst, er übe in der Saisonvorbereitung und im normalen Training mehr Netzspiel, um Energie zu sparen. Das war sein erklärtes Ziel, keine Messung des Energieverbrauchs. Er bereitete Alternativen dazu vor, jede Aufgabe durch einen weiteren langen Ballwechsel zu lösen.

Chung im gelben Trainingsshirt mit beiden Händen am Schläger
Chung beim Training am 1. August 2018, später in derselben Saison. Zwischen den Turnierergebnissen ging die Vorbereitung weiter.JC · CC BY-SA 2.0 · JPEG

Mit Zverev mithalten, gegen Djokovic die Sätze beenden

Alexander Zverev stand bei ihrem Drittrundenmatch auf Weltranglistenplatz vier. Chung hatte ihn im Vorjahr in Barcelona bereits geschlagen. Er begegnete also einem bekannten Gegner, diesmal im langen Format eines Grand Slams. Die Vertrautheit ersparte ihm keinen schwierigen Beginn: Zverev gewann den ersten Satz.

Im zweiten Satz erspielte sich keiner einen Breakball. Chung glich im Tiebreak aus; der offizielle Bericht hob Rückhandwinner während einer Serie von fünf Punkten hervor. Anschließend verlor er den dritten Satz 2–6. Das deutliche 6–0 am Ende kann verdecken, dass Chung bis zum Beginn des vierten Satzes noch nie nach Sätzen geführt hatte.

Im vierten Satz sprach Zverev mit dem Schiedsrichter über die dunkler werdenden Bedingungen. Auf die spätere Frage, ob diese Diskussion dem Gegner die Konzentration genommen habe, lieferte Chung keine fremde Diagnose. Er bestätigte die schlechteren Lichtverhältnisse und erklärte, selbst auf das Match konzentriert geblieben zu sein. Er beschrieb seine Aufgabe, statt die Beschwerde zur Ursache des Ergebnisses zu machen.

Chung holte den vierten Satz 6–3 und gewann anschließend alle sechs Spiele des fünften. Laut Australian Open gelangen Zverev im 23-minütigen Entscheidungssatz lediglich fünf Punkte, drei davon durch Asse. Der große Abstand am Ende folgte auf vier umkämpfte Sätze. Das Kräfteverhältnis hatte sich im Verlauf verändert.

Danach dankte Chung seinem Team und verwies auf die Arbeit in Bangkok. Auf einen Vergleich mit Kei Nishikori antwortete er außerdem, Nishikori stehe näher an der Grundlinie, er selbst weiter dahinter. So beschrieb er die Ausgangsbasis seines Spiels. Aufschlagvarianten und Netztraining sollten diese Stärke ergänzen, nicht die gesamte Grundlage ersetzen.

Im Achtelfinale stand Djokovic auf der anderen Seite, ein Vorbild aus Chungs Kindheit. Chung erinnerte sich an dessen Australian-Open-Titel 2008 und bewunderte das Grundlinienspiel und die mentale Stärke. Die Freude über den gemeinsamen Platz gehörte zu diesem Tag. Gleichzeitig musste er gegen genau jene Qualitäten bestehen, die er lange beobachtet hatte.

Chung gewann 7–6(4), 7–5, 7–6(3). Dem offiziellen Spielbericht zufolge holte Djokovic in jedem Satz Chungs frühe Breakführung auf. Dennoch beendete Chung alle drei Sätze erfolgreich. Er hielt den ersten Vorsprung also nicht einfach bis zum Ende, sondern musste nach dem Ausgleich erneut einen Weg zum Satzgewinn finden. Auch ein Vorhandpassierball aus dem Lauf im letzten Tiebreak wurde im Bericht hervorgehoben.

Djokovics körperliche Situation gehörte ebenfalls zu den Bedingungen. Er war nach ungefähr sechs Monaten Pause wegen eines Ellenbogenproblems zurückgekehrt und sagte, die Schmerzen hätten gegen Ende des ersten Satzes zugenommen. Chung gewann zugleich die konkrete Erfahrung, diese Sätze zu bestreiten und zu gewinnen. Für die nächste Runde nannte er zunächst gute Erholung als Aufgabe. Der große Sieg erledigte die Vorbereitung auf den nächsten Gegner nicht mit.

Chung bei einer beidhändigen Rückhand während der Citi Open
Chungs beidhändige Rückhand bei den Citi Open im August 2018. Ein späteres Saisonfoto des Schlages, der in Melbourne besonders aufgefallen war.JC · CC BY 2.0 · JPEG
Melbourne 2018: Vier Runden, wechselnde Aufgaben
Runde und DatumGegner und ErgebnisAufgabeAusgang
3. Runde · 20. JanuarZverev: 5–7, 7–6(3), 2–6, 6–3, 6–0Nach zweimaligem Satzrückstand weiter konkurrierenKlare Trennung im fünften Satz
Achtelfinale · 22. JanuarDjokovic: 7–6(4), 7–5, 7–6(3)Sätze nach aufgeholter früher Führung abschließenAlle drei Sätze gewonnen
Viertelfinale · 24. JanuarSandgren: 6–4, 7–6(5), 6–3Erwartung und verpasste Matchbälle verarbeitenSechsten Matchball genutzt
Halbfinale · 26. JanuarFederer: Aufgabe bei 1–6, 2–5Anderes Timing und andere Positionen, mit Schmerzen links am FußNach 62 Minuten beendet

Diesmal wurde von ihm der Sieg erwartet

Sandgren war die Nummer 97 der Welt, hatte in Melbourne aber Stan Wawrinka und Dominic Thiem besiegt. Chung hatte ihn im selben Monat in Auckland geschlagen. Anders als gegen Djokovic wurde nun Chung eher der Sieg zugetraut. Auf die Frage nach einem günstigen Los verwies er darauf, dass Sandgren gute Spieler ausgeschaltet hatte. Die Rangliste ließ ihn die Aufgabe nicht als schon erledigt behandeln.

Im zweiten Satz bekam Sandgren tatsächlich die Chance, das Match zu verändern. Er servierte bei 5–3 und war noch zwei Punkte vom Satzausgleich entfernt. Chung breakte zurück und gewann später den Tiebreak. Eine günstige Einschätzung vor dem Match musste auf dem Platz erst durch eine Aufholbewegung in ein Ergebnis übersetzt werden.

Zum Ende des dritten Satzes änderte sich die Aufgabe erneut. Sandgren wehrte bei eigenem Aufschlag einen Matchball ab. Im folgenden Spiel verschwanden Chungs drei aufeinanderfolgende Chancen, bevor er selbst einen Breakball abwehren musste. Die 31 Schläge aus dem offiziellen Bericht dienten der Sicherung dieses Spiels. Auch nach ersten Siegchancen konnte noch etwas verloren gehen.

Sandgrens Volleys verhinderten den fünften Matchball, den sechsten verwertete Chung. Die Abfolge umfasst verschiedene Tätigkeiten: eine Chance zum Sieg herstellen, nach ihrem Verlust das Aufschlagspiel schützen und die nächste Gelegenheit nutzen. Hinter dem Eindruck eines ruhigen Sieges lag diese bewegte Reihenfolge.

Chung gegen Sandgren: Das letzte Spiel bei den Australian Open 2018Offizielles Video der Australian Open zum letzten Spiel des Viertelfinals, ergänzend zum Spielbericht und anschließenden Interview.Australian Open · Auf YouTube ansehen ↗Mit einem Klick wird der YouTube-Player geladen.

Chungs Antwort nach dem Match lieferte den persönlichen Teil. Er hatte an koreanische Geschichte und den Jubel gedacht, während noch gespielt wurde. Gerade deshalb versuchte er ruhig zu bleiben. Auf einem einzelnen Punkt lag viel Bedeutung. Seine geschilderte Erwartung und das Verhalten, das er darunter aufrechterhalten wollte, sind aussagekräftiger als das Etikett eines emotionslosen Spielers.

Auch außerhalb des Platzes lernte er weiter. Chung erzählte, mit seinem in Chicago lebenden Freund David Chung englische Interviews zu üben. Je länger er im Grand Slam blieb, desto häufiger sollte er sich vor größerem Publikum erklären. Der Spieler, der den Weg ans Netz trainierte, bereitete zugleich seine Antworten vor. Sportliche Entwicklung und öffentliche Verständigung liefen nebeneinander.

Vorwärtsgehen lernen und trotzdem rechtzeitig stoppen

Federer stellte im Halbfinale andere räumliche und zeitliche Aufgaben. Der Turnierbericht beschrieb frühe Ballkontakte, das Heranholen Chungs ans Netz und anschließende Passierbälle. Hinter der Grundlinie noch einen Angriff zurückzubringen unterscheidet sich davon, auf den vom Gegner gewählten kurzen Ball nach vorn zu müssen. Auch die geübte Vorwärtsbewegung hing davon ab, welcher Ball sie auslöste und wie viel Zeit blieb.

Zugleich begrenzten Blasen am linken Fuß Chungs Bewegung. Das Problem bestand seit Tagen. Nach fünf Spielen im zweiten Satz wurde die Stelle neu getapt, doch bei 1–6, 2–5 und 30–30 gab er nach 62 Minuten auf. Federers Veränderungen von Tempo und Position trafen auf einen körperlich eingeschränkten Gegner. Der Verlauf lässt sich deshalb nicht wie ein reiner Taktikvergleich zweier gesunder Spieler lesen.

Roger Federer an einem Trainingstag der US Open 2018
Federer am 26. August 2018 beim Training für die US Open. Ein Foto aus derselben Saison von Chungs letztem Gegner in Melbourne.Carine06 · CC BY-SA 2.0 · JPEG

Chung sagte danach, er habe vor Schmerzen nicht mehr gehen können, und hielt die Entscheidung zum Abbruch für richtig. Das erste Grand-Slam-Halbfinale nicht beenden zu können war enttäuschend. Erholung und eine Saison ohne Verletzungen tauchten nun in seinen Zielen auf. Der Spieler, der beim nahen historischen Sieg zum nächsten Punkt zurückfinden wollte, musste hier beurteilen, ob überhaupt noch ein Weitergehen möglich war.

Federer zeigte mit Verweis auf eigene Blasenerfahrungen Verständnis und nannte den Finaleinzug auf diese Weise bittersüß. Damit legte er keinen Ausgang für ein hypothetisches Match unter anderen Voraussetzungen fest. In der Bilanz standen Chungs erstes Major-Halbfinale und ein Spiel, das er nicht zu Ende bringen konnte. Erfolg und unvollendete Erfahrung blieben nebeneinander stehen.

Nach seinem Gewinn aus dem Turnier gefragt, sprach Chung über Selbstvertrauen. Er hatte Zverev, Djokovic und Federer tatsächlich gegenübergestanden und glaubte, sich künftig mit Spitzenspielern auf dem Platz wohler fühlen zu können. Vor dem Turnier stützte ihn Mailand. Danach umfasste dasselbe Wort die Begegnungen der zweiten Grand-Slam-Woche.

Beim erneuten Blick auf Chungs Matches von 2018 lohnt der Ausgangspunkt einer Vorwärtsbewegung: Bereiten eigener Aufschlag und Folgeschlag den Weg, oder zieht der Gegner ihn mit einem kurzen Ball hinein? Gleiche Schritte können unterschiedliche Aufgaben tragen. In Melbourne erprobte ein herausragender Verteidiger zusätzliche Angriffsmöglichkeiten und begegnete zugleich den Teilen, die noch weiterentwickelt werden mussten.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Australian Open / Tennis Australia — Chung takes down Zverev, again
  2. Australian Open / Tennis Australia — Hyeon Chung20-01-18 interview
  3. Australian Open / Tennis Australia — Ailing Novak stopped by Chung
  4. Australian Open / Tennis Australia — Hyeon Chung22-01-18 interview
  5. Australian Open / Tennis Australia — Chung charges into final four
  6. Australian Open / Tennis Australia — Hyeon Chung24-01-18 interview
  7. Australian Open / Tennis Australia — Federer into final as Chung retires
  8. Australian Open / Tennis Australia — Hyeon Chung26-01-18 interview
  9. Reuters via Rediff — Chung set to give rivals nightmares
  10. AP via Tennis.com — Hyeon Chung beats Rublev to win Next Gen Finals
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